Ich sitze in meinem kleinen Tiny-House in Estepona. Draußen scheint die Sonne, gleich treffe ich mich mit den Freunden, die nicht weit von hier wohnen und wir werden Churros essen, tiefsinnige Fragen wälzen oder einfach schweigend in der Sonne sitzen. Diese Reise habe ich vor drei Wochen spontan gebucht – und dafür ein Workshop-Wochenende storniert und Termine abgesagt. Früher wäre das undenkbar gewesen. Heute fühlt es sich genau richtig an.
Vielleicht ist das der beste Beweis dafür, dass mein Leitwort 2026 schon wirkt, bevor ich es zu Ende erklärt habe. Aber der Reihe nach.
Seit 5 Jahren gebe ich mir selbst ein Jahresmotto. Nicht immer schreibe ich darüber ausführlich, aber ich halte es zumindest in den Jahresrückblicken fest.
Warum suche ich überhaupt ein Leitwort oder Motto?
Um die Jahreswende herum, wenn ich mich intensiv mit Rück- und Ausblick beschäftige, da ist es fast zwangsläufig, dass sich in irgendeiner Form ein Motto zeigt. Eine Überschrift für das, was kommt. Ein Leuchtturm, der mir Orientierung gibt und mir im Zweifel bei Entscheidungen helfen kann. Eine Art Zauberspruch, der mich zu dem Mensch macht, der ich gerne sein möchte.
Ich habe mich selbst im Verdacht, dass meine Motto-Suche auch ein wenig dem Wunsch nach Kontrolle entspringt. Wünschen kann man sich viel, auch wenn sich das Leben nicht all zu sehr darum schert. Wie Wilhelm Busch einmal so treffend bemerkte: Aber hier – wie überhaupt – kommt es anders, als man glaubt.
Das Wort 2025 war Selbstwirksamkeit. Von heute aus betrachtet erscheint es mir ein strenges Wort. Es beinhaltet die Vorstellung, dass ich Schwieriges aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen kann. Warum ich es wohl gewählt habe? Anscheinend habe ich Schwieriges erwartet – es kam dann auch prompt in Form meiner Arthrose-Diagnose. Hat es mir geholfen, gut damit umzugehen? Nicht wirklich – im August, als ich nicht mehr so wandern konnte wie ich wollte, hatte ich dieses Wort längst vergessen.
Warum also dieses Jahr wieder ein Wort, wenn es offensichtlich nicht so gut funktioniert? Ich glaube, es entspringt dem Bedürfnis, dem Leben nicht vollkommen ohnmächtig gegenüber zu stehen. Ein Leitwort drückt ein Gefühl von Stimmigkeit aus – das, was der Mediziner Aaron Antonovsky Kohärenzgefühl nannte: das Gefühl, dass ich verstehe, was um mich herum passiert, dass ich damit umgehen kann und dass es einen Sinn ergibt. Ein Leitwort hilft mir, genau das herzustellen.
Während ich diese Zeilen schreibe, tauche ich in die Vergangenheit ein: lese alte Leitwörter und Überlegungen dazu, denke darüber nach, wie und ob sie sich erfüllt haben, verstehe besser, wie sich die Dinge entwickelt haben. Das ist ein Erfahrungsschatz, den ich ohne meine schriftlichen Überlegungen nicht heben könnte. Und jedes Jahr bin ich neu überrascht, wie ein Motto entsteht – so auch dieses Jahr.“
Wie „Fülle“ zu mir kam
Im Jahresrückblick 2025, den ich am 2. Januar veröffentlicht habe, war von Fülle nicht die Rede. Im Januar schwankte ich noch zwischen Finden statt Machen und Einfach Sein. Beides drückt den Wechsel vom Erzwingen hin zum Vertrauen aus. Und obwohl ich beide schon ziemlich attraktiv fand, kam irgendwann im Januar plötzlich das Wort Fülle. Scheinbar aus dem Nichts, aber mit Wucht.
Fülle ist meine Antwort auf den vergeblichen Versuch, das Leben zu kontrollieren: Wenn es ohnehin anders kommt als geplant, dann lieber Fülle als Festhalten. Fülle ist kein Plan, sondern ein Zustand, ein Filter, durch den ich die Welt betrachte.
Ich gestehe: Anfangs hat mich das Wort eher erschreckt. Mir ist die Vielfalt und Komplexität der Welt oft zu viel, weil mich das Nein-Sagen und die Abgrenzung anstrengt. Und nun soll ausgerechnet das, mein Kompass sein? Ja, denn Fülle heißt erst einmal nur, dass ich die Vielfalt genieße. Es heißt nicht, dass ich alles nutze. So wie ich mich an einem reichhaltigen Buffet erfreuen kann und dennoch nicht alles davon esse.
Was Fülle für mich bedeutet
Aber was bedeutet Fülle konkret für mich? Damit es als Kompass für mich taugt, brauche ich es greifbarer.
Fülle ist das Gefühl, niemandem etwas beweisen zu müssen – weil ich aus Sinn arbeite und nicht aus Druck. Es bedeutet, dass ich die Resonanz auf meine Arbeit wahrnehme und sie nicht als selbstverständlich abtue. Fülle fühlt sich vor allem an wie genug Zeit, um nicht hetzen zu müssen. Und gerade das macht es offensichtlich, dass zur Fülle auch ein Nein gehört.
Fülle hat auch ein Nein
Das Nein zeigt sich zum Beispiel darin, dass ich keine Projekte oder Termine annehme, die mich auslaugen – ich erkenne sie an einem Gefühl von Enge, Schwere oder Energielosigkeit. Ich schaffe bewusst Raum: mindestens einen Tag pro Woche ohne Termine. Statt Reichweite such ich suche echte Verbindung, und ich gebe dem inneren „Ich müsste eigentlich…“ nicht mehr so leicht nach. Ich jage nicht dem „Mehr“ hinterher, sondern frage mich, ob nicht schon längst „Genug“ da ist. In Begegnungen erlaube ich mir, einfach da zu sein: zuhören, präsent sein und nicht sofort in den Lösungsmodus zu springen.
Klar geworden ist mir: Erst das Nein schafft überhaupt Platz für das Ja zur Fülle.
Ja zur Fülle
Ja zur Fülle heißt, dass ich Gelegenheiten, die mich locken, ergreife, ohne mich hinter scheinbaren Notwendigkeiten zu verstecken. Die spontane Reise nach Andalusien war ein erster Vorgeschmack – und der beste Beweis, dass das Nein, das ich dafür brauchte, die richtige Entscheidung war.
Ja zur Fülle bedeutet auch, zu erkennen, wie viel davon schon da ist – beim Essen, in der Natur, bei Begegnungen, in Beziehungen oder kulturellen Aktivitäten. Es bedeutet, Chancen anzunehmen statt sie kleinzureden oder der Vernunft zu opfern. Und es bedeutet, das alles auskosten zu dürfen, ohne mich schuldig zu fühlen, neugierig zu bleiben und Neues auszuprobieren.
Ja zur Fülle ist kein Ziel, sondern eine Haltung. Ein Blick auf die Welt, der sagt: Genug ist schon da. Ich muss nur aufmerksam genug sein, um es überhaupt zu sehen.
Am Jahresende werde ich zurückschauen und fragen: War Fülle mehr als ein schönes Wort?
Ein erstes Zeichen wird schon sein, ob ich mich im August noch daran erinnere. Bei der Selbstwirksamkeit war das nicht der Fall – sie war längst vergessen, als ich sie am dringendsten gebraucht hätte. Fülle soll mir das Jahr über präsent sein: als Filter, als Frage, als Kompass in dem Moment, in dem ich merke, dass ich wieder hetze, festhalte oder dem Mehr hinterherjage.
Die Antwort wird sich aber nicht nur in der Erinnerung zeigen, sondern in kleinen Momenten: Habe ich öfter Ja gesagt, wenn mich etwas wirklich gelockt hat – und öfter Nein, wenn ich nur funktionieren sollte? Habe ich Resonanz wahrgenommen, statt sie zu übersehen? Habe ich Begegnungen einfach sein lassen, ohne sie gleich in etwas verwandeln zu wollen?
Und dann wird es sich vielleicht in einem Gefühl zeigen, das schwerer zu beschreiben ist: das Gefühl, dass genug da war. Dass ich genug war. Dass ich das Leben nicht festhalten musste, weil ich ihm und mir vertraut habe.
Wenn ich das am Jahresende sagen kann, dann war Fülle ein gutes Leitwort.

Wer schreibt hier?
Korina Dielschneider ist Life-Coach und begleitet Frauen in der Lebensmitte dabei, ihren Selbstwert zu stärken und ihr Leben bewusst neu auszurichten – mit Klarheit, Gelassenheit und dem Fokus auf Umsetzung.
In ihrem Blog und im buntbrief teilt sie Impulse zu Selbstfürsorge, Neuorientierung und dem Mut, den eigenen Weg authentisch zu gehen – bodenständig, ehrlich und mit Blick aufs Wesentliche.
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