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Der Salzpfad – Neuanfang in der Lebensmitte

Manchmal bin ich richtig froh, dass ich in dem kleinen, aber feinen örtlichen Leseklub bin. Mit einer Handvoll Frauen treffe ich mich ungefähr alle 6 Wochen zur Stunde des Buches. Ich lese ja gerne. Deshalb bräuchte ich eigentlich keinen extra Anreiz in Form eines Leseklubs. Aber es hat sich irgendwie eingeschlichen, dass ich fast nur noch Sachbücher gelesen habe. Dem wollte ich etwas entgegensetzen. Nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass es eine gute Entscheidung war. Ich lese jetzt auch Bücher, die ich alleine nie entdeckt hätte. Eines davon war Der Salzpfad von Raynor Winn. Es ist im Dumont Verlag erschienen und in der örtlichen Bücherei war dieses Buch bei den Reiseführern einsortiert. Ja, es ist eine Art Reisebericht, aber es ist viel mehr.

Worum geht es?

Das Buch beginnt damit, dass Raynor und Moth Winn, ein Ehepaar Anfang 50 mit zwei fast erwachsenen Kindern, ihre Farm durch ein Gerichtsurteil verlieren. Sie haben in der Firma eines Freundes investiert, die dann pleite ging, und die Farm war die Sicherheit für die Banken. Als ob das nicht genug sei, erhalten Raynor und Moth fünf Tage später die Diagnose, dass Moth an einer degenerativen und unheilbaren Gehirnerkrankung leidet. In dieser ausweglosen Situation, mittel- und obdachlos, entscheiden sie sich, den South West Coast Path, den längsten Fernwanderweg Englands zu wandern. Das Buch handelt von ihren Erlebnissen auf diesem Weg.

Der Ausweg aus einer scheinbar ausweglosen Situation

Gerade im Lichte der Flutkatastrophe im Ahrtal behandelt das Buch eine sehr aktuelle und beängstigende Frage: Wie gehen Menschen damit um, wenn sie in der Mitte des Lebens noch einmal komplett von vorne anfangen müssen? Es erscheint zunächst ziemlich unvernünftig, dass die beiden sich auf diesen kräftezehrenden Wanderweg aufmachen: mit Anfang 50 eigentlich zu alt für Übernachtungen im Zelt, zu wenig Geld für ein Dach über dem Kopf oder vernünftiges Essen und zu alledem noch ein unheilbar kranker Mann. Wohlgemerkt: scheinbar unvernünftig. Denn im Laufe des Buches habe ich erkannt, dass es für die beiden eben auch eine Frage der Alternativen war. Sie hatten ein Leben lang gearbeitet und sich durch ihre Arbeit auf und an der Farm ein Heim erschaffen. Jetzt darauf zu warten, bis die Behörden ihnen eine Sozialwohnung zubilligt, war für sie schlichtweg nicht vorstellbar. Die Entscheidung, diesen Weg zu gehen, war der Ausweg aus einer scheinbar ausweglosen Situation.

Der Weg ist hart, aber er gibt ihnen etwas Unbezahlbares

Es ist ein autobiographisches Buch. Die Autorin beschreibt die körperlichen Beschwerden, die Nässe, die Kälte, den Hunger. Der South West Coast Path ist kein Spazierweg. Es ist Englands längster ausgeschilderter Fernwanderweg, weist insgesamt gut 35.000 Höhenmeter auf und läuft entlang der Küsten von Somerset, Devon und Cornwall bis nach Poole Harbour in Dorset. Es sind nicht nur die körperlichen Strapazen, sondern auch die Vorurteile gegenüber Obdachlosen und die relative Mittellosigkeit, die den beiden zusetzt.

Und doch gibt ihnen der Weg etwas, das sie in einer Sozialwohnung am Tropf der Sozialhilfe nicht bekommen hätten: Er gibt ihnen ihre Selbstachtung zurück. Je weiter sie auf dem Weg fortschreiten, desto mehr erkennen sie, dass es nicht selbstverständlich ist, dass sie diesen Weg meistern. Sie begegnen Menschen, für die sie durch ihre Wanderung zu einem Vorbild geworden sind. Sie erkennen, dass sie fast nichts mehr besitzen, dass es aber dennoch Menschen gibt, die sie für das, was sie tun, bewundern.

Lieber in Würde straucheln als in Sicherheit zu verzweifeln

Natürlich ist es ein Unterschied, ob ich aus freien Stücken in der Lebensmitte etwas Neues anfange oder weil mich das Leben dazu zwingt. Für Raynor und Moth hätte die Geschichte auch böse ausgehen können. Sie beenden die Wanderung als es zu kalt wird. Eine Freundin bietet ihnen Logis gegen Arbeit an. Das ist zunächst ein verlockendes Angebot. Aber die Arbeit ist hart und der Ausgleich durch die Bewegung in der Natur fehlt. Obwohl sie jetzt ein Dach über dem Kopf haben, geht es Moth zunehmend schlechter. Sie entscheiden sich, die Sicherheit hinter sich zu lassen und gehen erneut auf den Weg. Auch wenn sie nicht genau wissen, wie es weitergehen wird und ob sie je ankommen werden, so wählen sie lieber ein Leben in Würde als in der Sicherheit zu verzweifeln. Wie es ausgeht verrate ich an dieser Stelle nicht, damit wenigstens noch ein kleiner Anreiz für die Lektüre bleibt.

Fazit

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen. Neben interessanten Informationen über den Küstenpfad, hat es mir vor allem die Haltung der beiden angetan. Ich weiß nicht, ob ich so stark wäre, wenn mir von einem auf den anderen Tag alles genommen würde. Aber die wesentliche Botschaft war für mich, dass der eigene Spielraum immer vorhanden ist -egal wie ausweglos die Situation erscheint.


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