Die Quellen des Glücks verändern sich mit dem Alter – das sagt die Wissenschaft. Der Neurowissenschaftler Tobias Esch nennt drei Lebensphasen mit unterschiedlichen Quellen. Aber stimmt das so wirklich?
Diese Woche bin ich gleich zweimal über das Thema Glück gestolpert – im Sinn-Newsletter der ZEIT und auf dem Cover der Zeitschrift MEINS. Besonders hängengeblieben bin ich an einem Interview mit dem Neurowissenschaftler Tobias Esch.
Esch beschreibt, wie sich Glück im Laufe des Lebens verändert, und nennt eine Dreiteilung: Jugendliches Glück ist gekennzeichnet durch Neugier, Kreativität und Risikofreude. Im Erwachsenenleben verschiebt es sich hin zu einem Glück, das aus der Erleichterung entsteht, alles geschafft und allen Anforderungen gerecht geworden zu sein. Und schließlich das Glück des Alters, das Esch bei etwa 70 Jahren ansiedelt: Es speist sich aus Dankbarkeit, innerem Frieden und dem Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein.
So weit, so gut. Aber was ist mit der Zeit zwischen Mitte 50 und 70? Ich bin 62 und damit ungefähr in der Lebensmitte. Ich nehme es deutlich wahr, dass mein Glück andere Ursachen als Erleichterung hat.
Zwischen Erleichterung und Abgeklärtheit: Die Phase ohne Namen
Die Kinder stehen auf eigenen Beinen. Der Ruhestand rückt in Sichtweite oder hat gerade begonnen. Die intensivsten Jahre liegen hinter dir – und in dem Raum, der dadurch entsteht, meldet sich etwas Neues: Freiheit. Die Freiheit, Dinge zu tun, für die jahrelang keine Zeit war. Mehr reisen oder neue Hobbys ausprobieren. Vielleicht noch einmal beruflich etwas wagen. Oder Fragen nachgehen, für die in der aktiven Familienphase einfach kein Platz war.
Wer in dieser Phase ist – ich würde sie zwischen Mitte 50 und 70 ansiedeln –, wirkt auf mich nicht wie jemand, der schon im tiefen inneren Frieden angekommen ist. So ist es bei mir, und so erlebe ich es bei vielen meiner Altersgenossinnen: eher neugierig, experimentierfreudig, fast ein bisschen wie die Jugendlichen, die Esch beschreibt. Nur mit deutlich mehr Lebenserfahrung im Gepäck. Queenager eben – Frauen ab etwa 50, die ihre Lebensmitte frei, selbstbewusst und mit jugendlicher Lebensfreude gestalten.
Ich glaube, diese Jahre sind aus Glückssicht etwas Eigenes: nicht mehr getrieben von äußeren Anforderungen, aber noch nicht angekommen beim stillen Glück des Alters. Eine Phase mit mehr Freiheit als je zuvor – und genug Energie, um sie wirklich zu nutzen.
Klingt gut, oder?
Und doch erlebe ich in meiner Arbeit als Coach immer wieder, dass genau diese Freiheit sich nicht wie Aufbruch anfühlt. Sondern eher wie Leere, Orientierungslosigkeit oder Druck.
Warum Freiheit allein nicht reicht
Wenn der Alltag sich öffnet, weil vertraute Rollen sich verändern oder ganz wegfallen – Mutter, die gebraucht wird; Karrierefrau mit vollem Kalender; die Tochter, die funktioniert –, dann steht plötzlich eine Frage im Raum, die vorher keine Zeit hatte:
Wer bin ich eigentlich, wenn niemand mehr etwas von mir braucht?
Das ist eine Frage, die man am liebsten nicht denken würde. Zu traurig die naheliegende Antwort: Ich bin nur etwas wert, wenn ich gebraucht werde. Und genau deshalb hat diese Frage viel mit Selbstwert zu tun.
Solange der Selbstwert vor allem davon abhängt, gebraucht zu werden, Leistung zu bringen oder anderen zu gefallen, wird die neue Freiheit nicht als Geschenk empfunden. Freiheit klingt so großartig – und fühlt sich trotzdem nicht immer angenehm an.
Die Reise, die du schon immer machen wolltest? Du weißt gar nicht mehr, ob du die wirklich machen willst. Sie kostet viel Geld, der Mann will nicht mit – und vielleicht fragst du dich heimlich, ob du so viel Geld für dich alleine überhaupt ausgeben solltest.
Das Hobby, das du endlich wieder aufgreifst? Du fängst an – und brichst es ab, weil du dich fragst, was es denn „bringt“. Du weißt einfach nicht mehr, wie es ist, etwas zu tun, das dir Freude macht, ohne dass jemand davon profitiert.
Der neue Job, das kleine Projekt, die Idee, die dich schon lange beschäftigt? Du zögerst, weil du dir nicht sicher bist, ob es sich lohnt und ob du es schaffen kannst.
Vielleicht schämst du dich auch, dass du dich an der neuen Freiheit nicht erfreuen kannst. Das kenne ich. Freude und Müssen sind zwei Geschwister, die sich lieber aus dem Weg gehen – und weil das Thema so schambesetzt ist, spricht man selten darüber. Dabei geht es vielen so.
Glück in der Lebensmitte braucht einen stabilen Boden
Zurück zu Tobias Esch und seinem Modell.
Das Glück des Alters – Dankbarkeit, innerer Frieden, das Gefühl von Verbundenheit – klingt wunderbar. Aber ich glaube, es entsteht nicht einfach mit der Zeit. Es wächst auf einem Boden, den nur du selbst bereiten kannst.
Dieser Boden ist dein Selbstwert.
Nicht der Selbstwert, der davon abhängt, was du leistest oder wer dich braucht. Sondern der, der sagt: Ich bin gut genug – nicht weil ich etwas bewiesen habe, sondern weil ich bin.
Wer in dieser Zwischenphase anfängt, diesen Selbstwert zu stärken, kann die neue Freiheit mit der Zeit wirklich genießen. Der bucht die Reise, ohne sich zu rechtfertigen. Greift das Hobby auf, ohne sich zu fragen, ob es produktiv genug ist. Wagt das Neue, weil er sich selbst vertraut – nicht weil er sich sicher ist, dass es klappt.
Das ist, glaube ich, das Glück der Lebensmitte: nicht Erleichterung wie früher, noch nicht der stille Frieden später – sondern die Freiheit, für dich selbst einzustehen und dich anzunehmen mit allem, was dich ausmacht.
Was das für dich bedeutet
Wenn du gerade in dieser Phase bist und merkst, dass die neu gewonnene Freiheit sich nicht so anfühlt, wie du dir das vorgestellt hast – dann lohnt es sich, genauer hinzuschauen.
Nicht auf die äußeren Umstände. Sondern auf die Frage: Wovon hängt dein Selbstwertgefühl gerade ab?
Vielleicht erkennst du dich in typischen Zeichen eines niedrigen Selbstwerts – manche davon sind so alltäglich, dass man sie kaum als solche wahrnimmt. Und wenn du verstehen möchtest, wie sich das Thema Selbstvertrauen speziell in der Lebensmitte zeigt, findest du dazu mehr in diesem Beitrag über Selbstvertrauen in der Lebensmitte.
Es geht nicht darum, dich zu optimieren oder ein anderer Mensch zu werden. Sondern darum, dass du ein glückliches Leben verdient hast – was, ganz nebenbei, auch ein Aspekt eines gesunden Selbstwerts ist. Je liebevoller und verständnisvoller du dich selbst auf diesem Weg begleitest, desto mehr Raum entsteht für eine neue Haltung. Eine Haltung, die es dir ermöglicht, mit Dankbarkeit auf das Vergangene zu blicken – und das Geschenk der Freiheit anzunehmen, das diese Phase bereithält.
Fazit
Die Quellen des Glücks verändern sich mit dem Alter – das stimmt. Aber zwischen dem Glück der Erschöpfung und dem Glück des inneren Friedens liegt eine Phase, die ihre eigene Qualität hat.
Eine Phase, in der du zum ersten Mal wirklich frei sein könntest. In der der Lärm leiser wird und du anfängst, deine eigene Stimme wieder zu hören.
Ob du diese Freiheit genießen kannst, hängt nicht davon ab, was du dir alles vornimmst. Es hängt davon ab, wie gut du mit dir selbst befreundet bist.
Wie ist das bei dir – kannst du die neue Freiheit schon vorbehaltlos genießen?

Wer schreibt hier?
Korina Dielschneider ist Life-Coach und begleitet Frauen in der Lebensmitte dabei, ihren Selbstwert zu stärken und ihr Leben bewusst neu auszurichten – mit Klarheit, Gelassenheit und dem Fokus auf Umsetzung.
In ihrem Blog und im buntbrief teilt sie Impulse zu Selbstfürsorge, Neuorientierung und dem Mut, den eigenen Weg authentisch zu gehen – bodenständig, ehrlich und mit Blick aufs Wesentliche.
Du willst mehr Impulse für diese Lebensphase?
👉für den buntbrief anmelden
👉zu den aktuellen Angeboten
