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Warum ich davon überzeugt bin, dass jedes Alter richtig ist für eine Neuorientierung

Meine jüngste Tochter macht gerade Abitur, ihre beiden älteren Brüder sind drei und fünf Jahre älter als sie. Bei allen Dreien ist es vollkommen normal, dass sie in einer Phase der Neuorientierung sind. Später im Leben ist das dann nicht mehr so selbstverständlich. Ich kenne einige Frauen, die meinen, dass eine Neuorientierung im fortgeschrittenen Alter nicht mehr möglich ist. Das sehe ich entschieden anders. Warum das so ist, schreibe ich in diesem Blogbeitrag.

Es gibt genügend Beispiele für Neuorientierungen in der zweiten Lebenshälfte

In meinem Umfeld tummeln sich Frauen, die in der Lebensmitte noch einmal die Spur gewechselt haben. Beispielsweise Sonja, Sabine oder Uli. Das Internet ist voll mit Infos und Empfehlungen für die Neuorientierung in der Lebensmitte – an dieser Stelle nenne ich nur zwei davon, aber ich könnte aus dem Stand ein Dutzend nennen: Es gibt einen eigenen Podcast für beruflichen Neustart mit 50Plus und die wunderbare Marketa Burger hilft mit ihrer Expertise den 50+ Jobsuchenden auf die Sprünge.

Ein prominentes Beispiel ist mir neulich durch ein Interview in der ZEIT (Link funktioniert nur für Abonnenten) ins Bewusstsein gerückt: Marianne Koch. Sie war eine weltberühmte Schauspielerin, die eher zufällig beim Film gelandet ist und nach 20 Jahren zu ihrer ursprünglichen Neigung, der Medizin, zurückgekehrt ist. Mit 47 Jahren wurde sie promoviert. Mit über 70 Jahren wurde sie mit ihren medizinischen Ratgebern zur Bestsellerautorin. Heute ist sie 90 Jahre alt und beantwortet immer noch medizinische Fragen in der Sendung „Gesundheitsgespräche“ auf Bayern 2. Oder Greta Silver, eine deutsche YouTuberin, Podcasterin, Autorin und Best-Ager-Model, die mit 66 Jahren ihren sehr erfolgreichen YouTube-Kanal gestartet hat, in dem sie über das Alter als Lebensphase spricht. Es muss nicht gleich das große Rad sein – die Beispiele sollen lediglich zeigen, dass die Vorstellung „zu alt“ für etwas zu sein, nicht stichhaltig ist.

Die zweiten Lebenshälfte folgt anderen Gesetzen als die erste

Schon der Psychiater C.G. Jung sagte, dass wir die zweite Lebenshälfte nicht nach den Gesetzen der ersten Lebenshälfte leben können. Das erscheint mir sehr wahr und doch gibt es viele Beispiele von Menschen, die ihren Einfluss und die Karriere nicht loslassen können. Als prominentes Beispiel aus meinem früheren beruflichen Umfeld fällt mir Hasso Plattner ein, einer der Mitbegründer der großen deutschen IT-Firma SAP, der – 78-jährig – erneut für seine Wahl in den Aufsichtsrat kandidiert. Das Familienunternehmen Trigema wird auch heute noch von Wolfgang Grupp, Jahrgang 1942, geführt. Herr Grupp denkt gar nicht daran, die Firmenleitung vorzeitig an eines seiner beiden Kinder abzugeben. Beide Kinder wollen die Nachfolge antreten, aber nur einer wird Nachfolger werden. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was da hinter den Kulissen abgeht.

Menschen, die auch im Alter noch sportliche Höchstleistungen vollbringen, werden von der Gesellschaft gefeiert. Vielleicht sollen sie uns zeigen, dass Leistung auch im Alter noch möglich ist. Ich frage mich oft, ob dieses Leistungsdenken nicht auch der Angst entspringt, unsere eigene Endlichkeit zu akzeptieren. Die älteren Menschen sollten nicht auf den Feldern Effizienz und Leistung mit der Jugend konkurrieren, sondern Vorbilder dafür sein, wie ein Leben in Würde und Menschlichkeit aussehen kann, insbesondere dann, wenn nicht mehr alles möglich ist.

In der zweiten Lebenshälfte haben wir die Freiheit und die Aufgabe, uns um Wesentliches zu kümmern. Wesentliches heißt, dass wir herausfinden, was unserem Wesen gemäß ist und was nur wir in die Welt bringen können. Das ist eine andere Aufgabenstellung als in der ersten Lebenshälfte, in der es darum geht, Fuß zu fassen, eine Familie oder eine Gemeinschaft zu gründen und beruflich voranzukommen.

Ich habe diesen Ruf nach dem Wesentlichen selbst erfahren. Ab Ende 40 war da plötzlich eine latente Unzufriedenheit, die ich nicht einordnen konnte. Ich habe mich gefragt, ob ich meine Tage wirklich in endlosen Meetings zubringen will oder ob da nicht noch etwas Anderes, Sinnvolleres, auf mich wartet. Heute weiß ich, dass es ein Sinn-Vakuum war, das ich damals gespürt habe. Den Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen, war ein wichtiger, sinnstiftender Bereich. Aber die Kinder waren flügge und auch der Beruf hatte den Glanz des Neuen längst verloren. So wurde es Zeit, einen neuen Sinn im Leben zu finden und den habe ich darin gefunden, Menschen ab der Lebensmitte auf dem Weg zum Wesentlichen zu unterstützen: mit meinem Blog, mit Kursen und als Coach. Mein Sinn-Vakuum ist gefüllt, und mein Leben ist wieder im Lot.

ZITAT
Das Grundproblem dieser Wende (Anmerkung: also der Übergang von der ersten in die zweite Lebenshälfte) besteht darin, dass der Mensch meint, er könne mit den Mitteln und Prinzipien der ersten Lebenshälfte nun auch die Aufgaben der zweiten meistern.
Anselm Grün 

Freiheit und Verantwortung

Bei manchen Lesern stellte sich vielleicht ein kleiner Widerstand bei dem Wort „Freiheit“ ein. Was sind denn das für Freiheiten? Sehr häufig ist es gerade bei Frauen so, dass ab Mitte 40 neue Freiräume entstehen, weil die Kinder selbständiger werden. Ja, auch im 21. Jahrhundert ist es häufig noch so, dass Frauen für Kinder beruflich stärker zurückstecken als Männer. Deshalb sind die neuen Freiräume (oder anders ausgedrückt: das Nicht-Mehr-Gebraucht-Werden) eine spezielle Situation von Frauen in der Lebensmitte. Vielleicht dauert es eine Weile, bis diese Freiräume als solche empfunden werden und die Notwendigkeit gefühlt wird, diesen Freiraum zu füllen.

In meinem Kurs Aufbruchs-Sehnsucht Lebensmitte habe ich genau an dieses Gefühl angeknüpft. Es ist das Gefühl, dass es noch etwas Anderes im Leben gibt – auch wenn dieses Andere noch nicht klar umrissen ist. Es gibt Menschen (nicht nur Frauen), die diese Sehnsucht deutlich spüren können. Meine Erfahrung aus dem Kurs ist die, dass die meisten Frauen sagen, dass sie nicht wissen, was sie wollen. Wenn ich mich jedoch tiefer mit ihnen unterhalte, dann stellt sich heraus, dass sie sehr wohl eine Idee haben. Gleichzeitig aber auch sehr viel Angst, diese Idee zu verfolgen.


Die Einwände sind vielfältig:

  • Damit kann ich doch kein Geld verdienen!
  • Was wird das Umfeld dazu sagen,
  • Ich bin zu alt.
  • Wird meine Kraft noch reichen?
  • Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.

Der Freiraum ist da – und damit auch mehr Freiheit. Diese Freiheit zu nutzen, liegt in der Verantwortung eines jeden Einzelnen. Es gibt auch die Freiheit, alles beim Alten zu belassen. Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, solange der Mensch damit zufrieden ist.

ZITAT
Erst wer Verantwortung für sich selbst übernimmt, macht sich auf den Weg zur persönlichen Freiheit.
Konrad Lorenz (1903-1989)

Neuorientierung ist nicht notwendigerweise eine berufliche Veränderung

In meinen Coachings geht es um ganzheitliche Neuorientierung ab der Lebensmitte. Es geht darum, herauszufinden, was wesentlich ist. Und das wiederum setzt voraus, dass wir wissen, was wir eigentlich wollen. Was will ich? Was will ich? Und was will ich? Dies herauszufinden erfordert Ehrlichkeit, Beharrlichkeit, inneren Raum und eine starke Absicht. Am Ende kann herauskommen, dass die berufliche Situation unverändert bleibt, dass aber ein Herzenswunsch endlich umgesetzt wird.

Vielen Menschen fällt es schwer, zu artikulieren, was sie wollen. Sie trauen sich selbst nicht über den Weg: Ist das wirklich mein Wunsch oder erfülle ich damit lediglich Erwartungen? Wer über die Jahre verlernt hat, seinem Herzen zu folgen, kann nicht von heute auf morgen einen Schalter umlegen. Der Weg zurück geht über die ehrliche Selbstwahrnehmung. Das, was uns als Kind schon begeistert hat, kann eine Spur sein. Oder das, was uns heute leicht fällt und uns Energie gibt.

Warum jedes Alter das Richtige ist

Wann immer wir einen andauernden Veränderungsimpuls spüren, dann sollten wir ihm unbedingt nachgehen. Damit meine ich nicht, dass wir jeden Impuls auch in die Tat umsetzen sollten. Wer kennt nicht die Tage, an denen er am liebsten alles hinschmeißen würde! Ich meine, dass wir diese Impulse nicht dauerhaft übergehen sollten, sondern sie ernst nehmen und genau hinschauen sollten. Denn jeder Mensch hat ein Recht auf ein zufriedenes Leben.

Die besondere Schwierigkeit in der Lebensmitte liegt tatsächlich darin, dass wir die Alternative haben, alles beim Alten zu lassen. Unsere innere kritische Stimme flüstert uns sehr überzeugend ein, warum eine Veränderung nicht möglich ist und das beendet die Reise, bevor sie überhaupt angefangen hat. Ich bin davon überzeugt, dass wir nicht ungeschoren davonkommen. Wenn wir selbst nicht für uns einstehen und unsere Sehnsüchte ernst nehmen – wer sollte es dann für uns tun? Das macht uns klein, und nährt die Unzufriedenheit. Diese Haltung tragen wir in die Welt – ob wir es wollen oder nicht. Es muss nicht immer eine 180 Grad-Wende sein. Veränderungen können schrittweise geschehen – und mit jedem Schritt wächst das Vertrauen zu uns selbst und es werden weitere Schritte möglich.

Veränderungsimpulse halten sich nicht an Altersangaben. Seit einigen Jahren gibt es nicht nur die Midlife-Crisis, sondern auch die Quarter-Life Crisis. Ich halte nicht sehr viel von diesen Etiketten. Vielleicht hilft es dem ein oder anderen, sich besser zu fühlen und die eigenen Empfindungen ernst zu nehmen. Besser wäre es, den eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen zu trauen und sie ernst zu nehmen – unabhängig davon, ob die Gesellschaft oder das Umfeld das gut findet. Und wenn wir fühlen, dass sich etwas verändern sollte in unserem Leben, dann ist es Zeit, die Veränderung anzugehen. Und das ganz unabhängig vom Alter, denn: Jedes Alter ist das Richtige für eine Neuorientierung.


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