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Lohnt sich das noch?

Eine Frage, die harmlos klingt – und es nicht ist. Über Altersdiskriminierung im Alltag, das allgegenwärtige Denken in Renditen und ein Apfelbäumchen, das trotzdem gepflanzt werden sollte.

Meine Freundin, Hebamme von Beruf, macht gerade eine Weiterbildung in „Sport in der Schwangerschaft“. Im Oktober wird sie 65. Ihr Bruder fragte sie ganz unverhohlen: „Lohnt sich das noch?

Sie hat gelächelt und freundlich geantwortet. Ich weiß nicht, ob mir das auch gelungen wäre.

Eine andere Bekannte, 80 Jahre alt und quietschfidel, hat sich neulich ein neues Auto gekauft. Nicht gebraucht, sondern neu. Auch sie musste sich einiges anhören.

Ich nenne das alltägliche Altersdiskriminierung. Und ich glaube, sie ist weiter verbreitet als gedacht – nur eher selten wird sie so genannt.


Jobwechsel mit 52. Neuer Thermomix mit 85. Scheidung mit 60. Studium mit 58. Umzug mit 70.

Lohnt sich das noch?

Was auf den ersten Blick wie eine praktische Frage klingt, ist es meistens nicht. Es steckt eine Annahme dahinter: dass Menschen ab einem bestimmten Alter keine Investition mehr wert sind. Dass Investitionen in das eigene Leben irgendwann keine Rendite mehr bringen – weil die Zeit zu knapp ist, die Energie zu begrenzt oder die Zukunft zu ungewiss ist.

Was mich daran beschäftigt: Diese Rechnung wird nur bei älteren Menschen gemacht. Bei einem 28-Jährigen fragt niemand, ob sich das Masterstudium noch lohnt. Bei einer 55-Jährigen schon. In meinem Volkswirtschaftsstudium hieß die Standardantwort auf Fragen oft: Das kommt darauf an. Ja – worauf denn? Auf die Höhe der Investition? Oder auf die zu erwartende Rendite? Auf die Restlaufzeit? Niemand scheint zu merken, wie absurd die Logik hinter der Frage eigentlich ist.

Martin Luther wird der Satz zugeschrieben: „Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Ich verstehe diesen Satz so: Es ist egal, was im Außen passiert – ob die Welt untergeht, ob der Baum Früchte trägt, ob jemand sie ernten wird. Wenn es JETZT sinnvoll erscheint, einen Apfelbaum zu pflanzen, dann tut man es. Punkt.

Die Zukunft ist ohnehin ungewiss. Es gibt junge Frauen, die auf eine Karriere verzichten, weil sie ja schwanger werden könnten. Manche werden es nie. Es gibt 55-Jährige, die nicht mehr studieren, weil sich das ja nicht mehr lohnt. Manche werden 95 und hätten 40 Jahre lang Freude an dem Wissen gehabt.

Wir pflanzen das Apfelbäumchen nicht – aus Angst vor einer Zukunft, die wir nicht kennen.

Und es passiert dabei etwas, das wir leicht übersehen: Wir schreiben uns selbst ab. Nicht bewusst – aber unterbewusst wirkt es. Ein Kurs, den wir nicht belegen. Eine Reise, die wir nicht mehr machen. Ein Wunsch, den wir nicht mehr laut aussprechen, weil er sich irgendwie nicht mehr „gehört“. Ich rede hier nicht über Wünsche, die wir nicht mehr verfolgen, weil keine Energie mehr in ihnen liegt und keine Vorfreude.


Dabei ist die Rechnung einfacher, als sie klingt: Die eigenen Wünsche ernst zu nehmen, das ist der Gewinn, der auf jeden Fall dabei herausspringt. Egal, ob die Weiterbildung beruflich noch „etwas bringt“ oder das neue Auto noch zwanzig Jahre gefahren wird. Egal, ob die Scheidung mit 60 noch eine zweite große Liebe nach sich zieht.

Die Investition lohnt sich in dem Moment, in dem du dich entscheidest, dich selbst nicht abzuschreiben. Das ist keine Frage des Alters, sondern eine der Haltung.

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis für unsere Generation: Wir müssen aufhören, uns von der „Lohnt sich das noch?“-Frage einschüchtern zu lassen. Meistens sagt sie viel mehr über den Fragesteller aus, als ihm lieb ist. Wer nicht in diesen Kategorien denkt, würde diese Frage nämlich gar nicht stellen.

Welches Apfelbäumchen würdest du heute pflanzen, wenn dich niemand (auch nicht deine eigene innere kritische Stimme) fragen würde, ob es sich noch lohnt?

Wer schreibt hier?
Korina Dielschneider ist Life-Coach und begleitet Frauen in der Lebensmitte dabei, ihren Selbstwert zu stärken und ihr Leben bewusst neu auszurichten – mit Klarheit, Gelassenheit und dem Fokus auf Umsetzung.

In ihrem Blog und im buntbrief teilt sie Impulse zu Selbstfürsorge, Neuorientierung und dem Mut, den eigenen Weg authentisch zu gehen – bodenständig, ehrlich und mit Blick aufs Wesentliche.


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