You are currently viewing „Eines war klar: ich wollte nur etwas tun, was mir wirklich Spaß macht.“

„Eines war klar: ich wollte nur etwas tun, was mir wirklich Spaß macht.“

Als mir meine gute Freundin Manuela Seubert von einem Bekannten erzählte, der sich ehrenamtlich als Wegepate engagiert, wurde ich sofort hellhörig und bat sie, den Kontakt herzustellen. Denn in meiner Arbeit geht es immer mal wieder darum, wie ein Mensch nach dem Ausstieg aus dem aktiven Berufsleben sein Leben weiterhin sinnvoll gestalten kann. Jörg Thamer hat erfreulicherweise sofort zugestimmt, als ich ihn um ein Interview bat. Eines kann ich vorab verraten: die Wanderwegepatenschaft war nur die Spitze des Eisbergs.

Lieber Jörg, du bist Jahrgang 1963 und 2014, also bereits mit 50 Jahren in den Ruhestand gegangen. Wie kam es dazu?

Ich war bei der Bundeswehr beschäftigt. 2014 musste die Bundeswehr Personal abbauen und hat deshalb bestimmten Altersgruppen angeboten, mit vollen Pensionsbezügen früher in den Ruhestand zu gehen. Da ich damals seit knapp 8 Jahren Wochenendpendler war und immer nur am Wochenende zu Hause war, habe ich diese Gelegenheit beim Schopf ergriffen. Mein Antrag wurde genehmigt und so kann ich mich seither bei bester Gesundheit meinen Hobbies widmen. Ich habe es bisher keinen Moment bereut, dass ich das Angebot angenommen habe, auch wenn ich nicht böse auf die Zeit bei der Bundeswehr zurückblicke, sondern meinen Job immer gerne gemacht habe.

Mit 50 steht man in der Regel ja noch mitten im Berufsleben. Hast du dir davor bereits Gedanken gemacht, was du in der Zeit danach machen willst?

Ein klein wenig Gedanken hatte ich mir schon gemacht, da ich ja auch ohne dieses Angebot nur bis 54 Jahre hätte arbeiten müssen (Anmerkung: das offizielle Pensionseintrittsalter für Berufsunteroffiziere liegt bei 54 Jahren). Ich hatte mir also schon ein paar Gedanken gemacht, wie ich die Tage zu Hause mit einem sinnvollen Hobby ausfüllen könnte. Aber dann ging alles sehr viel schneller als erwartet. Ich hatte schon vor dem Ruhestand in meiner Freizeit das Bloggen angefangen und über meine Wanderungen und Geocaching Aktivitäten geschrieben und war damit sehr beschäftigt.

Und wie hast du dich konkret auf den Ruhestand vorbereitet?

Ganz konkret wurde es etwa ein dreiviertel Jahr vor dem Ausscheiden. Die Bundeswehr bietet Seminare an zur Vorbereitung auf den Ruhestand. Eines davon habe ich besucht. Die meisten der Teilnehmer hatten noch irgendetwas vor, weil man ja auch mit 54 noch voller Energie ist. Mir war klar, dass ich das Bloggen weitermachen möchte. Eines war klar: ich wollte nur etwas tun, was mir wirklich Spaß macht.

Du sagest ihr habt um die 8 Jahre eine Wochenendbeziehung geführt. Wie war die neue Situation für deine Frau?
Meine Frau ist noch  berufstätig und arbeitet Teilzeit. Es war schon eine große Umstellung, aber durch ihre Berufstätigkeit hingen wir dann trotzdem nicht den ganzen Tag aufeinander. Sie hat mich sehr dazu ermuntert, das Bloggen und Social Media noch weiter auszubauen.

So hast du dann also beschlossen, dich aufs Reisen und Bloggen zu konzentrieren?

Ja, genau. Durch meine Blogs (Anmerkung: die Links auf die Blogs befinden sich am Ende des Interviews) habe ich immer mal wieder Einladungen von Tourismusregionen erhalten, um über bestimmte Regionen zu berichten. Jetzt hatte ich endlich ausreichend Zeit dafür und musste keine der Einladungen mehr berufsbedingt ablehnen. Diese Arbeit ist ein bisschen vergleichbar mit der eines freien Journalisten. Es gibt z.B. auch Pressereisen für Journalisten, die für Blogger freigegeben sind und auf die man sich bewerben kann. Ich bin dann in die Schweiz und die Türkei, nach Marokko und die Eifel gereist. Bei diesen Reisen wird einiges geboten, d.h. man kann sich vieles anschauen und erhält vielfältige Informationen. Ich nehme nur an Wanderreisen teil, weil nur die gut zu meinem Blog passen und ich auf diese Weise auch am besten einen Mehrwert für die Region schaffe.

Kannst du etwas zu deinen Blogs sagen?

Sehr gerne. 2012 habe ich angefangen mit meinem Gewum! Blog. Darin waren alles enthalten, also GEocaching, Wandern Und Mehr. Als ich in Richtung Ruhestand ging, habe ich diesen Blog thematisch unterteilt und separate Blogs eingerichtet für das Geocaching (Cachoholic), das Wandern in der Heimat (Lahntastisch) und das Wandern jenseits der Heimat (Outdoorsüchtig). Vorrangig betreibe ich derzeit noch Outdoorsüchtig und Lahntastisch. Geocaching war großartig als die Kinder noch jünger waren, aber jetzt wollen meine Frau und ich uns aufs Wandern konzentrieren und uns nicht durch die Dosensuche von der Landschaft ablenken lassen.

Wie kam es zu Lahntastisch?

Ich war in Diez stationiert und schon bevor ich versetzt wurde hatten wir in Limburg gebaut. Meine Heimat gefällt mir sehr gut, weil es eine tolle Wanderregion mit einer wunderbaren Landschaft ist. Man kann hier sehr viel unternehmen und deshalb lag mir Lahntastisch schon immer besonders am Herzen. Aus dieser Begeisterung haben sich Verbindungen zum Lahntal-Tourismus ergeben, was zu meinem zweiten beruflichen Standbein geführt hat.

Hört sich interessant an. Was machst du da genau?

Ich mache freiberuflich Social Media Aktivitäten, unter anderem für den Lahntal-Tourismus. Die technischen Fähigkeiten habe ich mir durch Learning-by-Doing angeeignet und das Schreiben war auch bei der Bundeswehr ein wichtiger Bestandteil meines Jobs. Ich bin technik-affin, d.h. ich nutzte schon immer sehr früh neueste Technik. Zum Beispiel habe ich mich gleich in den Anfängen mit PCs befasst und habe mich auch früh in verschiedenen Social Media Kanälen engagiert. Ich bespiele inzwischen alle großen Kanäle außer TicToc und Snapchat.

So „nebenbei“ bist du auch noch Wegepate? Kannst du uns etwas darüber erzählen?

Wegepaten sind Menschen, die sich darum kümmern, dass der Wanderweg ordentlich ausgeschildert ist, so dass die Wanderer sich nicht verlaufen. Das ist eine ehrenamtliche Tätigkeit, auf die mich ein Freund aufmerksam gemacht hat, der meinen Blog kannte. Ich habe mich dann in Diez um so eine Stelle beworben. Diese Stelle war schon vergeben, aber in Limburg wurde noch jemand gesucht und das war für mich ja noch besser, weil es meine Heimatstadt ist. Und so mache ich seit 5 oder 6 Jahren den Wegepaten für den Lahnwanderwegabschnitt von Limburg bis nach Villmar. Zwei Mal im Jahr muss ich den Weg abgehen: einmal im Frühjahr zur Beginn der Wandersaison und einmal im Herbst. Ich schaue, ob alle Markierungen noch am Platz und gut lesbar sind. Kleinere Sachen, wie z.B. Verschmutzungen, behebe ich selbst. Bei größeren Sachen – wenn bspw. ein Wegepfosten umgefahren wurde, melde ich und das wird dann von den entsprechenden Gemeinden erledigt.
Manchmal melden sich auch Wanderer, die sich verlaufen haben, und dann gehe ich dem auch nach.

Interessant! Woher weiß denn der Wanderer wo er sich melden muss?

Der Lahnwanderweg ist ein zertifizierter Premiumwanderweg, der über den Lahntal-Tourismus gepflegt wird. Bei Premiumwegen ist die Ausschilderung meist professioneller, d.h. sie folgt einem standardisierten System und an den Wegweisern findet man z.B. immer eine Telefonnummer.

Die meisten Premiumwege können auch über Apps aufgerufen werden, wie bspw. Outdooractive. In dieser App ist es auch möglich, einen Zustandsbericht zu schreiben, wenn etwas am Weg nicht stimmt. Auch diese Meldungen landen beim Wegemanagement.
Ganz nebenbei bemerkt habe ich für den Lahnwanderweg auch die GPX-Tracks von Outdooractive unter meiner Regie und halte diese Daten aktuell. Das ist aber eher eine Ausnahme.

Wenn jemand Wegepate werden möchte – was muss er dann tun?

Wie gerade angedeutet, sind die Wege unterschiedlich organisiert. Es gibt die „alten“ Wege, die zum großen Teil von den Wanderklubs betreut werden. Dann kann man sich bei so einem Wanderklub melden. Und es gibt die touristisch gepflegten Wanderwege, wie z.B. der Lahnwanderweg oder andere Premiumwanderwege wie die Traumschleifen in Rheinlandpfalz. Um Wegepate für einen Premiumwanderweg zu werden, muss man sich dann an den jeweiligen Touristikverband wenden.

Hast du in nächster Zukunft noch andere Projekte?

Ja, ich habe tatsächlich ein ganz großes Projekt vor mir: ich habe seit letzter Woche einen Vertrag mit dem Droste Verlag. Ich werde ein Buch über das Wandern an der Lahn in der Reihe „Wanderungen für die Seele“ schreiben. Dafür werde ich im Laufe des nächsten Jahres 20 Wanderungen im Lahntal zusammenstellen. Das ist eine große Aufgabe, vor der ich ziemlichen Respekt habe. Und gleichzeitig freue ich mich total darauf, denn es schwebte mir schon länger vor, irgendwann in meinem Leben  einmal ein Buch zu schreiben. Wenn alles so klappt, wie ich es mir vorstelle, wird es ab 2023 zu kaufen sein.

Wie kam es denn dazu? Hast du den Verlag einfach angesprochen?

Nein, nein (lacht). Ich veröffentliche auf meinen Blog auch Rezensionen über Wanderbücher. Eine Rezension ging über ein Buch über den Westerwald. Die Autorin hat das mitbekommen und sich meinen Blog angeschaut. Daraufhin hat sie mich angesprochen, ob ich nicht auch einmal ein Wanderbuch schreiben möchte und den Kontakt zum Verlag hergestellt. Dann habe ich einen Probeartikel beim Verlag abgegeben und letzte Woche kam der Vertrag. Jetzt freue ich mich total auf die bevorstehende Arbeit – und vermutlich wird es dadurch im nächsten Jahr etwas ruhiger auf meinem Blog.

Gibt es noch unerfüllte Wünsche für dich?

Nicht wirklich, aber den einen oder anderen Wunsch gibt es noch. Es gibt z.B. noch das ein oder andere Wandergebiet, das ich noch nicht erwandert habe. Ich denke da an Slowenien oder Montenegro. Und dann möchte ich unbedingt noch den Jakobsweg (Nordspanischer Küstenweg) zusammen mit meiner Schwester zu Ende gehen. Wir haben in 2019 vierhundert der insgesamt achthundert Kilometer zurückgelegt.

Zum Schluss noch die Frage, was du anderen Menschen, die am Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand stehen empfiehlst?

Wenn man in diesem Stadium finanziell unabhängig ist, dann empfehle ich, unbedingt etwas zu machen, was einem Spaß macht und einem liegt. Selbst, wenn man vielleicht noch etwas hinzuverdienen muss, sollte man auch darauf achten, dass es etwas ist, an dem man Freude hat. Ich empfehle auch, auf die Gesundheit zu achten, und das Leben bewusst zu genießen.

Vielen Dank, lieber Jörg, für dieses inspirierende Gespräch!

Wer sich auf Jörgs Blogs näher umschauen möchte, findet sie hier im Überblick:


Dir hat der Beitrag gefallen und du willst keinen weiteren Beitrag mehr verpassen?

Dann trage dich für meinen Newsletter, korinas buntbrief, ein. Du erhältst alle 2 Wochen Impulse, Strategien und Tipps für deine persönliche Weiterentwicklung in der Lebensmitte. Und falls dir der buntbrief wirklich nicht gefallen sollte, kannst du dich jederzeit mit einem Klick wieder davon abmelden.


Schreibe einen Kommentar