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Vor- und Nachteile von Selbstcoaching

Die Arbeitswelt und persönlichen Umstände verändern sich teilweise rasant. Obwohl unser Wertesystem mit etwa 30 Jahren voll ausgebildet ist, braucht es auch in späteren Jahren noch viel Flexibilität: Arbeitsabläufe und Berufsbilder ändern sich, vielleicht droht sogar die Arbeitslosigkeit. Wissen veraltet und die persönlichen Lebensumstände verändern sich so, dass wir kaum noch hinterherkommen. Veränderungskompetenz ist gefragt, aber das haben wir in der Schule und bei der Ausbildung nicht gelernt. Also bleibt uns nichts anderes übrig als es „on the job“ zu lernen. Eine Möglichkeit dazu ist Selbstcoaching. Das Internet und die Buchhandlungen sind voll von einschlägigen Ratgebern dazu. Aber kann persönliche Weiterentwicklung mit Selbstcoaching funktionieren? In diesem Beitrag schreibe ich über die Vor- und Nachteile von Selbstcoaching und gebe dir am Ende im Fazit meine persönliche Empfehlung.

Vorteile von Selbstcoaching

Selbstcoaching kostet wenig

Fürs Selbstcoaching musst du nicht viel Geld ausgeben. Vielleicht brauchst du Bücher, denn du brauchst ja auch Methoden, die du in deinem Selbstcoachingprozess anwendest – aber die kosten nicht die Welt. Da es auch viele Materialien im Internet gibt, sind die Kosten, tatsächlich sehr viel niedriger als bei einem Coaching mit einem Coach.
Oft vergessen wir bei beim Thema Kosten unsere eigene Zeit. Spätestens seit ich selbständig bin, habe ich einen anderen Blick auf meine Zeit, denn sie ist genau so eine Investition wie Geld, das ich ausgebe.

Selbstcoaching ist jederzeit möglich

Du kannst jederzeit mit deinem Selbstcoaching anfangen – das ist unzweifelhaft ein Vorteil, denn wenn zwischen der Idee und dem Tun viel Zeit vergeht, verpufft die Energie vielleicht schon, bevor es überhaupt losgeht. Andersrum wird natürlich auch ein Schuh daraus: wenn Klienten zu mir kommen, dann sind sie wirklich bereit für die Veränderung, weil das nicht mehr aus einer Laune heraus passiert. Sie haben mich irgendwie gefunden, sich überlegt, dass sie für ihre Entwicklung Geld investieren möchten, usw.

Selbstcoaching stärkt das Selbstvertrauen

Wenn du mit Selbstcoachingübungen lernst, besser mit Veränderungssituationen umzugehen, wirkt sich das natürlich positiv auf dein Selbstvertrauen aus. Wenn du beispielsweise lernst, Ziele so zu formulieren, dass du sie tatsächlich umsetzt, hast du Erfolgserlebnisse und die stärken das Vertrauen in dich selbst. Mit jedem Erfolgserlebnis traust du dir mehr zu.

Selbstcoaching steigert die Selbsterkenntnis

Coachingübungen führen unweigerlich dazu, dass du dich selbst besser kennenlernst. Je besser du dich kennenlernst, desto genauer kennst du deine Muster und die Fallen, mit denen du dich selbst sabotierst. Mit der Zeit kannst du dann lernen, wirksame Gegenstrategien zu entwickeln und dadurch unerwünschtes Verhalten durch hilfreicheres Verhalten zu ersetzen.

Nachteile von Selbstcoaching

Wenn Selbstcoaching die Geheimwaffe für die persönliche Weiterentwicklung wäre, dann gäbe es keinen boomenden Coachingmarkt.

Selbstcoaching braucht Selbstdisziplin

Zuallererst gleich der wichtigste Nachteil: ohne Selbstdisziplin funktioniert Selbstcoaching in der Regel nicht. Ich nehme es so wahr, dass die Klienten zu mir kommen, weil ich sie auf Kurs halte und sie in die Umsetzung bringe. In den meisten Fällen wissen sie eigentlich schon, was zu tun wäre (oder ahnen es zumindest), aber es hapert an der Umsetzung. Wer je versucht hat, ein Musikinstrument mit einem Selbstlernkurs aus dem Internet zu erlernen, weiß genau, wovon ich spreche.

Selbstcoaching funktioniert nur in Standardsituationen

Beim Selbstcoaching arbeitest du mit Standardtools und Methoden, die sich für die Fragestellung als hilfreich erwiesen haben. Aber nicht alle Menschen entsprechen dem Standard. Und deshalb funktionieren die Standardmethoden eben nicht für alle. Man arbeitet am Wie, und ignoriert das Was.
Ein Beispiel: wir können uns Zeitmanagement-Methoden aneignen und bspw. lernen Aufgaben zu priorisieren mit der Eisenhower-Methode. Wenn das Grundproblem allerdings ist, dass du nicht Nein sagen kannst oder du nur dann das Gefühl hast, wichtig und gebraucht zu werden, wenn der Schreibtisch mit Aufgaben überquillt, dann werden immer zu viele Aufgaben auf dem Schreibtisch landen. Daran wird die beste Zeitmanagement-Technik nichts ändern. In meiner Erfahrung geht es im Coaching oft um die Haltung, eigentlich treffender ausgedrückt durch den Begriff Mindset. Ein Coach erkennt schnell, ob es um das Was oder das Wie geht und kennt Methoden für beide Fälle.

Selbstcoaching blendet deine blinden Flecken aus

Der blinde Fleck bezeichnet die Stelle des Auges, an der der Sehnerv auf die Netzhaut auftrifft. An dieser Stelle befinden sich keine lichtempfindlichen Rezeptoren, so dass das Auge an dieser Stelle tatsächlich blind ist. Dieses Phänomen wurde auf die Psychologie übertragen und meint, dass es Teile des Selbst gibt, die du selbst nicht wahrnehmen kannst. Erst der Blick von außen ermöglicht das vollständigere Bild. Eigentlich geht es immer um den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Du denkst vielleicht, dass du nicht jammerst, denn deine Beschwerden haben ja einen Grund! Von aussen betrachtet sieht es aber eher danach aus, dass du dich als Opfer der Umstände siehst und dich erst bewegen kannst, wenn die anderen ihr Verhalten ändern. Ein anderes Beispiel aus dem beruflichen Kontext: Wenn es um die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen oder Personalverantwortlichen geht, besteht meist erstaunliche Einigkeit darüber, mit wem die Zusammenarbeit schwierig ist. Diese Person kann das aber vermutlich nicht sehen, denn aus ihrer Sicht sind es ja die anderen, die so uneinsichtig und inkompetent sind.

Ich will damit nicht sagen, dass das vollständige Bild immer notwendig ist. Es gibt durchaus Selbstcoachingmethoden, bei denen der blinde Fleck keine Rolle spielt. Aber wenn du stecken bleibst im Prozess, könnte es genau an diesem blinden Fleck liegen.

Die Vielfalt der Methoden verstellt den Blick

Es gibt den Spruch vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Diese Gefahr sehe ich mein Selbstcoaching, denn es gibt unzählige Methoden. Welche davon sind für dich wirksam? Das kannst du natürlich durch Ausprobieren herausfinden. Auch hier wieder die Analogie zum Erlernen eines Musikinstruments. Es gibt vieles zu lernen und sehr viele Einzeltechniken – von der Haltung des Instruments, über einzelne Griffe usw. Unter Umständen gibt es auch für jeden einzelnen Aspekt auch noch verschiedene Möglichkeiten – eine Gitarre kann man bspw. auf unterschiedliche Weise halten. Eine gute Lehrkraft reduziert die Komplexität und weist dir den Weg durch den Dschungel. In der Regel kommst du dadurch schneller zu Erfolgserlebnissen und die Motivation, dranzubleiben, steigt.

Selbstcoaching kann das Selbstvertrauen schwächen

In manchen Fällen, führt Selbstcoaching auch dazu, dass dein Selbstvertrauen eher geschwächt als gestärkt wird. Nämlich dann, wenn du zwar Selbstcoachingmethoden nutzt, aber der gewünschte Erfolg ausbleibt, weil du alleine die Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit nicht überwinden kannst. Mit jedem erfolglosen Versuch, steigt das Risiko, dass du dir ein negatives Selbstbild konstruierst: ich bin einfach zu schwach, ich schaffe eh nie, was ich mir vornehme…. Vielleicht liegt es daran, dass es das falsche Ziel ist (hier kommt wieder der oben erwähnte blinde Fleck ins Spiel) oder die falsche Methode für dich.

Selbstcoaching kostet Zeit

Damit meine ich nicht, dass es Zeit braucht, die Selbstcoachingübungen durchzuführen. Das stimmt natürlich auch. Ich meine eher, dass die Strategie „Versuch und Irrtum“ – und nichts anderes ist das Selbstcoaching – insgesamt länger dauert als wenn du dir einen erfahrenen Reiseführer (sprich Coach) zur Unterstützung suchst. Du magst einwenden, dass die Ergebnisse beim Selbstcoaching tiefer verankert sind, weil du dich ja intensiver mit der Materie auseinandergesetzt hast. Stimmt! Es ist letztlich die Frage, wie viel Zeit du dafür einsetzen kannst oder willst.

Mein Fazit

Es gibt Argumente für und gegen Selbstcoaching. Ich finde, dass es ein guter Anfang sein kann, mit Selbstcoachingübungen zu beginnen. Selbstcoaching funktioniert z.B. sehr gut bei der Standortbestimmung. Es funktioniert auch gut, um Techniken zur Arbeitsorganisation, Priorisierung oder Zielformulierung nach der SMART-Methode zu lernen. Auch die Selbstmotivation oder Problemlösungskompetenz lässt sich damit trainieren – und noch vieles mehr. In meine Coachings kommen immer wieder auch Menschen, die mit dem Selbstcoaching-Ansatz nicht weiterkommen. Wenn du feststellst, dass du immer wieder am selben Punkt stecken bleibst und keine wirkliche Veränderung möglich ist, dann warte nicht zu lange, um dir Unterstützung zu holen. Das Leben ist nicht unendlich und je früher du die bessere Version deines Selbst bist, desto länger hast du etwas davon.


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