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Einen Scheiß muss ich – really?

Manchmal erscheint es, als lebten wir in einer „Müssokratie“. So viel Müssen, so wenig Wollen. Aber müssen wir wirklich so viel? Genau genommen müssen wir alle nur eines: sterben. Wie der Tod meines Bruders meinen Blick auf das Wollen verändert hat, davon erzähle ich hier.

Auslöser für meine Gedanken war der Aufruf von Silke Geissen zur „Einen-Scheiß-muss-ich“-Blogparade.

Zwischen dem Aufruf zur Blogparade und diesem Artikel ist etwas Wichtiges passiert: Mein Bruder ist gestorben. Er war seit einigen Jahren krank – und dennoch kam das Ende unerwartet. Mein Bruder hat sich mit dem Tod nicht auseinandergesetzt. Er hat sich geweigert, sein mögliches Ende in Betracht zu ziehen. Es gab weder ein Testament, noch hat er seine langjährige Lebensgefährtin geheiratet. Vielleicht dachte er, das Schicksal würde ihn verschonen, wenn er wegschaut? Wie ein kleines Kind, das die Hände vor die Augen hält und glaubt, dass die anderen es nicht sehen. Ich verstehe das und ich verurteile ihn nicht dafür. Aber ich habe viel darüber nachgedacht, was passiert, wenn wir so tun, als hätten wir unbegrenzt Zeit.

Was das Müssen damit zu tun hat

Wir schieben vieles vor uns her, weil wir glauben, das hätte noch Zeit. Das klärende Gespräch, das fällig wäre. Die Entscheidung, die wehtut. Das Nein, das wir nicht aussprechen, weil es bequemer ist zu schweigen. Offene Enden, die unbewusst weiterwirken und uns beschweren oder ausbremsen – und was uns davon abhält, diese Dinge anzugehen, ist oft subtiler, als wir denken.

Und gleichzeitig schleppen wir Dinge mit, die sich wie Müssen anfühlen, es aber nicht sind. Pflichten, die sich aus Erwartungen ergeben, die wir irgendwann übernommen haben, ohne zu fragen, ob sie heute noch zu uns passen. Den Unterschied zwischen Gläubenssätzen, die uns ans Müssen fesseln, und echten Werten zu spüren – das ist oft die eigentliche Arbeit.

Wenn ich zutiefst ehrlich zu mir bin und mir vorstelle, dass ich nur noch begrenzt Zeit habe: Was von dem, was ich heute tue, würde ich dann sein lassen? Weniger als ich noch vor kurzer Zeit gedacht hätte. Und das hängt damit zusammen, wie mein Bruder gestorben ist.

Das Netz, das trägt

Mein Bruder ist zu Hause gestorben. Die letzten drei Tage war ich dabei. Ich habe miterlebt, wie Menschen, denen er etwas bedeutet hat, auf einen Besuch vorbeikamen. Die Nachbarin, die mehrfach kam. Der ehemalige Angestellte, der es nicht fassen konnte und lange schweigend an seinem Bett saß. Ich bin sicher: Mein Bruder hätte noch vor einem Jahr nicht sagen können, wer den Weg am Schluss mit ihm geht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich dabei sein werde.

Er hat das nicht so geplant. Niemand kann das. Aber es hat mir eine Frage gestellt, die ich mir vorher nie so direkt gestellt hatte: Wie wichtig sind mir Verbindungen wirklich? Ist die geputzte Wohnung wichtiger als das Treffen mit der Freundin? Nehme ich mir Zeit für einen spontanen Besuch – oder schicke ich ihn schnell wieder weg, weil da noch so vieles zu erledigen ist? Wie viel bin ich bereit, die Macken des anderen auszuhalten? Wie wichtig ist es mir, dass Beziehungen ohne Reibung funktionieren? Das ist die Frage, die sich in der Lebensmitte immer öfter stellt.

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Was ich daraus mitnehme

Silke schreibt, dass wir nicht auf jede Nachricht sofort antworten müssen. Dass wir uns nicht erklären müssen, wenn wir keine Lust haben. Dass wir nicht abnehmen müssen, bevor wir anfangen, unser Leben zu mögen.

Alles wahr. Und ich ergänze: Ich muss auch nicht so tun, als hätte ich für alles ewig Zeit. Das verändert die Perspektive. Ich muss nicht Ja sagen zu Dingen, die mich aufreiben, ohne mir etwas zu geben. Ich entscheide mich, öfter Ja zu Menschen zu sagen, die mir wichtig sind – auch wenn es meinen Tagesplan durcheinanderwirft. Bewusst entscheiden, statt einfach weiterzumachen – das ist für mich kein Einmalakt, sondern eine Haltung. Und ich habe angefangen zu fragen, wo noch offene Rechnungen sind: bei mir und auch mit anderen. Welche Geschichten möchte ich meinen Kindern weitergeben? Was möchte ich vor meinem Tod noch regeln?

All das muss ich nicht. Außer Sterben muss ich überhaupt sehr wenig. Aber ich stelle mir vor, dass ich leichter gehen kann, wenn ich nicht zu viele Dinge offenlasse. Ich entscheide mich manchmal für den unbequemen Weg, obwohl ich Konfrontation eher scheue. Aber der Lohn ist Frieden, weil mich die Auseinandersetzung in Einklang mit der Person bringt, die ich sein möchte. Mein Bruder hat mir das nicht mit Worten beigebracht. Sondern mit dem, was er hinterlassen hat – und noch mehr mit dem, was gefehlt hat.

Was mich überrascht hat

Ich hätte vor zwei Monaten nicht gedacht, dass ich an diesem Totenbett sitzen werde. Und noch weniger, was es für eine Erfahrung sein würde. Es war anstrengend – und auf seine Weise trotzdem auch schön. Es hat mich auf unerwartete Weise beruhigt. Das klingt vielleicht seltsam. Aber ich habe erlebt, wie etwas, das nie geplant und nicht mehr kontrollierbar war, sich auf wundersame Weise zu einem harmonischen Gesamtbild gefügt hat. Das hat mir die Hoffnung geschenkt, dass nicht alles von mir abhängt und ich nicht jeden Schritt vorausdenken muss. Mit dieser Hoffnung lebt es sich definitiv leichter.

Und das ist vielleicht das größte Nicht-Müssen, das ich kenne: Ich muss das Leben nicht im Griff haben. Ich darf vertrauen. Und Vertrauen – auch das lässt sich üben.

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Und jetzt?

Die Müssokratie wird nicht verschwinden. Die To-do-Listen auch nicht. Aber ich schaue jetzt anders drauf. Vieles, das sich wie Müssen anfühlt, ist bei näherer Betrachtung eine Wahl. Und das Einzige, das ich wirklich muss – der Tod meines Bruders hat mir gezeigt, dass ich auch damit in Frieden sein kann.

Was andere Frauen zum Thema schreiben, ist auch sehr lesenswert. Silke Geissen hat alle Beiträge der Blogparade in einem Zusammenfassungsartikel gesammelt – es lohnt sich, dort vorbeizuschauen. So viele verschiedene Blickwinkel auf ein und denselben Satz. Wut, die zum Ja wird. Glaubenssätze, die sichtbar werden. Und zwischendrin immer wieder der Moment, in dem sich beim Schreiben plötzlich etwas löst. Es tut gut zu sehen, wie viele Wege aus dem zwanghaften Müssen es gibt – und wie verschieden sie aussehen können.

Wie ist das bei dir? Gibt es etwas, das du schon lange mit dir trägst und eigentlich schon längst abgeben oder klären wolltest? Ich freue mich über deinen Kommentar.

Dieser Beitrag hat 8 Kommentare

  1. Avatar-Foto
    Silke

    Liebe Korina,

    zunächst möchte ich dir und deiner Familie mein ehrliches Beileid aussprechen. Es macht mich gleichzeitig froh zu lesen, dass du am Sterbebett deines Bruders auch Trost und Ruhe gefunden hast. Es ist schön, keine Rechnungen mehr offen zu haben, weder mit den Toten noch mit den Lebenden.

    Ich danke dir, dass du aus dieser Situation, dieser Zeit heraus einen so schönen, nachdenklichen Blogartikel hast entstehen lassen. Und ich danke dir für die Erinnerung daran, dass wir nicht ewig Zeit haben.

    Ganz liebe Grüße
    Silke

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      Liebe Silke,

      Danke für diese Rückmeldung. Ich wusste ja schon vorher, dass du die Blogparade ins Leben gerufen hattest. So ein spannendes Thema für Frauen in der Lebensmitte. Ich habe lange nicht gedacht, dass ich den Beitrag schreiben kann. Aber letztlich war es dann doch gar nicht so schwer. Ist auch eine Art der Trauerbewältigung.

      Herzliche Grüße, Korina

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    Liebe Korina,
    dein Beitrag hat mich sehr berührt – gerade weil du deine Erfahrungen am Sterbebett deines Bruders nicht nur beschreibst, sondern daraus so offen und zugleich klar über das Leben, über Beziehungen, offene Enden und das Loslassen von Kontrolle reflektierst. Nachdem wir im letzten Zoom schon über deine Sterbebegleitung gesprochen hatten, hat mich das Lesen noch einmal auf einer anderen Ebene erreicht.

    Beim Lesen musste ich an eine alte Buchidee von mir denken: Lebe endlich! Das hat ja diese schöne Doppelbewegung: „endlich“ im Sinn von nun wirklich anfangen zu leben – und „endlich“ im Sinn von begrenzt, nicht unendlich.

    Dein Beitrag hat diesen Gedanken bei mir wieder sehr lebendig gemacht.

    Und wenn ich wirklich keinen Scheiß muss, dann will ich umso genauer wissen, wofür ich meine begrenzte Zeit verwenden möchte.

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      Liebe Silke,

      hab grad Gänsehaut: „Lebe endlich“ ist so ein toller Buchtitel. Mach das – und wenn nicht du, dann wir;-)

      Herzliche Grüße, Korina

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    Silke Geissen

    Das freut mich, liebe Korina, dass du das Thema so für dich nutzen kannst.
    Ganz liebe Grüße
    Silke

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      Der Dank geht an dich zurück – ohne deine Blogparade hätte ich das nicht zu Papier gebracht:-)

      Herzliche Grüße, Korina

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    Lydia Gajewsky

    Liebe Korina,
    ich mag das Wort Müssokratie sehr.
    Sowieso bin ich ein Worte-Mensch.
    Deshalb habe ich auch schon öfter über das Müssen und Wollen und Dürfen und Sollen nachgedacht – und welche unterschiedlichen Gefühle sie in uns auslösen, wenn wir sie in einem Satz gegeneinander austauschen.
    Gerade in Lebensphasen, die plötzlich Herausforderungen mitbringen, die wir noch nicht geübt haben, ordnen sich die Prioritäten völlig neu. Da „muss“ nur noch wenig…..
    Und wie Du sagst – wenn die Zahl der Geburtstagskerzen auf der Torte immer größer wird, ist es gut, das „Müssen“ in ein „Wollen“ oder eben auch „nicht-(mehr)-Wollen“ zu wandeln.
    Danke für den schönen Beitrag – und die anderen der Blogparade schaue ich mir auch noch an!

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      Liebe Lydia,

      Danke für deine Zeit und die feinen Beobachtungen. Dass du noch weitere Worte ins Spiel bringst, gefällt mir Dürfen und Sollen. Dürfen als die eigene Ermächtigung und Sollen als die kleine Schwester des Müssens? Die finde ich fast noch nerviger als ihre „vernünftige“ ältere Schwester, denn sie tut so weich und unschuldig, ist aber im Endeffekt genau so eine Spaßbremse.

      Herzliche Grüße nach Ostfriesland, Korina

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